Predigt „Bin ich denn der Hüter?“ am 4. Sonntag der Osterzeit – B

„Bin ich denn der Hüter meines Bruders?“
Ganz am Anfang der Heiligen Schrift findet sich dieses Wort.
Kain antwortet so, als Gott ihn nach seinem Bruder fragt.
„Bin ich denn der Hüter meines Bruders?“

Die Frage wird auch heute noch gestellt.

Was gehen mich die Jugendlichen an, die orientierungslos verwahrlosen? – Was scheren mich die Alleinerziehenden, die an der Armutsgrenze leben? – Ist es mein Problem, wenn es irgendwo soziale Unruhen und Krawalle gibt oder Hungerrevolten? – Was kümmern mich die Harz IV-Empfänger, Kranke, Alte, Einsame? Lass mich doch in Ruh! Hauptsache mir geht’s gut!

Kain ist keine Gestalt von anno dazumal. Kain ist eine Art zu denken und über Leichen zu gehen.

Er lebt im gierigen Manager, der das Maximum für sich herausholt; als gut verdienender Abtreibungsarzt; als Politiker, der die Grenzen für afrikanische Produkte dicht macht; als Schlepper, der sich an menschlicher Not skrupellos bereichert. Kain lebt in jedem, der sagt: „Was geht mich das an? Bin ich denn der Hüter meines Bruders?“
Im Hebräischen, der Sprache des AT, ist das Wort für Hüter und Hirt dasselbe: „Bin ich denn der Hirte meines Bruders?“
Wenn in einer Gemeinschaft alle so denken würden, könnten wir einpacken und den Laden dicht machen! – Wenn in der Kirche alle so denken würden, dann wäre die Kirche bald am Ende! – Wenn in der bürgerlichen Gesellschaft jeder nach diesem Motto leben würde, dann wäre unsere Gesellschaft schnell ein Scherbenhaufen, auf dem keiner mehr leben könnte.

Wir leben von den „guten Hirten“ und „guten Hirtinnen“.

Wir leben von Menschen, die nicht nur nach sich selber schauen, sondern auch ein umsichtiges Auge und eine helfende Hand für andere haben. – Wir leben von Menschen, die da sind, wo sie Not sehen und helfen, wo Hilfe nötig ist. – Wir leben von Menschen, die sich nicht aus allem heraushalten, sondern sich einsetzen, ihre Zeit und ihre Kraft zur Verfügung stellen, Verantwortung übernehmen, fürsorgend da sind, ohne gleich nach dem Lohn zu fragen oder auf Gegenleistung zu spekulieren.

Das Bild vom „guten Hirten“, das uns heute im Evangelium entgegentritt, ist noch immer nicht veraltet. Und da denke ich – auch wenn heute der Welttag der geistlichen Berufe ist – nicht nur die Bischöfe, die Priester und die anderen Hauptamtlichen in der Pastoral. – Nein, wir alle sind dazu berufen, Hirt und Hirtin zu sein im Blick auf Menschen in unserer Umgebung, für Menschen, die uns anvertraut sind, für Menschen, die uns brauchen, unser Dasein, unser Zuhören, unser Zeithaben, vielleicht auch unsere Fürsorge und Unterstützung.
Ich habe einmal gelesen: „Der gute Hirt ist der Mensch mit guten Händen, mit Händen, die Geborgenheit schenken.“
Jesus sagt: „Ich bin der gute Hirt.“ Ich nehme dich an der Hand. Ich bin da für dich! Ich schütze dich! Ich sorge für dich! Du bist mir wertvoll. Ich sage Ja zu dir! Ich liebe dich!“
Einander Hirtendienste tun.
Nicht: „Bin ich denn der Hüter meines Bruders“, sondern einem Wort von Elisabeth von Thüringen entsprechend: „Füreinander da sein, weil Gott uns gezeigt hat, dass er für uns da ist.“

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