Predigt „Freundschaft“ am 6. Sonntag der Osterzeit – B

Meine lieben Freunde! Bereits Kinder wissen, wie schön und leicht das Leben sein kann, wenn man einen Freund hat, und sie wissen auch, wie schwer es ist, wenn man keinen hat. Kinder sind untröstlich, wenn eine Freundschaft zerbricht oder der ersehnte und erwünschte Freund nicht zum Freund werden will. Und wir Erwachsene wissen das ebenso gut. Echte Freundschaft ist ein hohes Gut. Für einen echten Freund ist man bereit, vieles zu geben.
In einer Freundschaft kann ich mich zeigen, wie ich bin, mit meinen Schwächen und Stärken, mit meinen Ecken und Kanten.
In einer Freundschaft kann ich vertrauen und dadurch häufig über mich selber hinaussehen und auch hinauswachsen.

Gleichzeitig machen wir auch die Erfahrung, dass man sich in einer Freundschaft nicht besitzt, man den anderen nicht als Objekt behandeln kann oder gar als sein Eigentum. Freundschaft muss gepflegt werden: Sie braucht Zeit und Raum. Eine gute Freundschaft hält es sicher aus, wenn es eine Zeitlang wenig Platz für sie gibt, aber ab und zu braucht sie immer wieder Aufmerksamkeit von beiden Seiten.

All das schwingt mit, wenn Jesus uns im heutigen Evangelium sagt: „Ich nenne euch Freunde, weil ich euch alles geoffenbart habe, was ich von meinem Vater gehört habe. Ihr seid meine Freunde.“
Jesus nennt uns seine Freunde, weil er uns alles zeigen will, was er von seinem Vater weiß. Er will uns in die innerste Beziehung, die er selber zu seinem Vater hat, hineinführen, uns selber zum intimen Freund seiner Beziehung zum Vater machen.

Zu diesem Vater hat Jesus in seiner tiefsten Einsamkeit am Ölberg gebetet und auf ihn hat er in den schlimmsten Stunden seines Lebens gesetzt. Jesus sieht und erwählt uns als seine Freunde, damit auch wir anderen Freunde sind. Dabei gibt es für ihn ein klares und deutliches Kriterium, was seine Freundschaft mit uns ausmacht: Er hat für uns alles gegeben, selbst sein Leben; er ist für uns sogar ans Kreuz gegangen. Deshalb, weil ich selber etwas von dieser seiner Hingabe für mich erahnen und erfahren kann, bin ich sein Freund.

Es geht also darum, dass ich mich immer neu für ihn und seine Freundschaft in meinem Leben öffne, dass ich seine Liebe und Hingabe in meinem Leben aufspüre. Konkret wird das in jeder Freundschaft, in der mir ein Freund etwas von dieser Hingabe schenkt – meistens nicht mit der radikalen Konsequenz, dass er sein Leben für mich lässt. Aber Hingabe fängt ja da an, wo ich bereit bin, etwas von mir zu lassen, um des anderen willen – auch im ganz Kleinen: ein freier Abend, wenn der andere meine Hilfe braucht, ein Sprung über meinen Schatten, meine Empfindlichkeiten, ein Schritt, um einen neuen Anfang zu ermöglichen, der mich selbst nicht ganz so wichtig nimmt.
Hingabe für den anderen verbinden wir natürlich mit vielen großen Gestalten, die dies in besonderer Weise gelebt haben: Elisabeth von Thüringen, Vinzenz von Paul, Mutter Teresa, um nur einige zu nennen. Sie können uns Vorbilder sein, dass auch wir im Kleinen täglich neu beginnen, Hingabe zu leben und sie vielleicht einmal im Großen zu vollenden. Amen.

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