6. Sonntag der Osterzeit

„Ich sehe was, was du nicht siehst …! Vielleicht kennen Sie, liebe Schwestern und Brüder, aus Ihren Kindertagen dieses Spiel. Es lädt dazu ein und fordert geradezu auf, seine Umwelt, seine Mitmenschen ja auch sich selbst genau zu beobachten und wahrzunehmen, nicht einfach schnell und oberflächlich, sondern langsam und tief. Das haben wir vielleicht aus den letzten Monaten neu gelernt, da wir durch die Ausgangsbeschränkungen aufgrund des Corona-Virus in unseren Begegnungsmöglichkeiten gehindert waren. Wir haben z. B. durch intensivere Telefongespräche einander neu kennengelernt; haben auf kleine Nuancen in der Stimme geachtet, um  zu erspüren, wie es dem anderen geht; haben dann gerade neuen Mut und Hoffnung schenken können.

Vielleicht mag es den Jüngern aus unserem heutigen Evangelium ähnlich ergangen sein, als Jesus sie mit seiner Rede einführen will in eine neue Weise das Leben, die Umwelt und die Mitmenschen wahrzunehmen. Jesus erzählt ihnen nämlich von seinem Abschied. Jesus wird dann zwar nicht mehr körperlich anwesend sein, er verspricht ihnen, einen Helfer an die Seite zu stellen, damit sie dennoch seine neue Gegenwart wahrnehmen.

Jesus verheißt einen Helfer, einen Beistand. „Geist“ nennt ihn das Evangelium und meint einen, der bleibt, an Jesu Stelle tritt, wenn er selbst nicht mehr bei seinen Jüngern sein wird.

Liebe Schwestern und Brüder!

In diese neue Sichtweise des Lebens will das heutige Evangelium auch uns einführen. Als Christen leben wir gleichsam im gleichen Dilemma wie die Jünger damals. Wir brauchen einen Helfer, einen Beistand, mit dem wir Jesus neu unter uns „sehen“ und „erkennen“ können. Darum dürfen wir Ostern nicht gewöhnlich werden lassen, sondern es immer neu als Herausforderung für unseren Glauben verstehen; es darf „außer-gewöhnlich“ bleiben, auch nach Corona oder trotz Corona.

Wer sich von der österlichen Botschaft tragen lässt, der bekommt einen neuen Blick für das Leben, der sieht auf den Grund der Dinge; der lebt sein eigenes Lebens im Horizont der Hoffnung, einer Hoffnung, die stärker ist als alle Bedrohungen.

Gott ist bei uns, ja er wohnt durch den Heiligen Geist in uns und beschenkt uns mit seiner Liebe. Letztlich brauchen wir nichts mehr zu fürchten, denn im Erlösungswerk Jesu Christi hat Gott alles Böse der Welt überwunden und besiegt. Wir leben in Einheit mit Gott und dürfen sein Wirken sichtbar machen für andere.

„Wo ist Gott?“ lautet die Frage. Er wirkt machtvoll in der ganzen Welt. Er wirkt besonders in den Herzen all jener, die ihn suchen und an ihn glauben. Maria, du Gottesmutter, zeige uns Jesus, deinen Sohn, damit wir an ihn glauben und ihn lieben und so das Leben in Fülle haben. Amen.

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